Fallvignetten zu KI und Prüfungen: Eine Einladung zum Perspektivwechsel
Seit generative KI im Hochschulalltag angekommen ist, stellen sich rund um Prüfungen viele neue Fragen. Was wird eigentlich noch geprüft? Was ist erlaubt, was ist fair, was ist sinnvoll? Lehrende wie Studierende sind dabei oft unsicher. Häufig gehen sie von Annahmen über die jeweils andere Seite aus, die nicht stimmen. Mitunter stehen sogar Vorurteile im Raum. Vor allem aber wird zu wenig miteinander gesprochen. Wie Studierende KI im Studium erleben, wissen viele Lehrende kaum. Umgekehrt ist Studierenden selten bewusst, welche Zweifel, Belastungen und Ansprüche Lehrende beim Prüfen begleiten.
Hier setzt die vorliegende Sammlung von Fallvignetten aus der Perspektive von Lehrenden und von Studierenden an. Die Situationen sind fiktiv, beruhen aber auf Erfahrungen aus dem Hochschulalltag. Jede Vignette zeigt einen kurzen Moment, in dem eine Person ins Nachdenken gerät oder vor einer Entscheidung steht. Die Vignetten enden bewusst offen: Sie liefern keine Lösungen, sondern werfen Fragen auf, auf die es selten nur eine richtige Antwort gibt.
Entstanden ist der Beitrag im Rahmen der AG „KI und Prüfen" des Projekts KI-LOTSE.
Von Prof. Dr. Gabi Reinmann, Dr. Janine Horn, Prof. Dr. Ulrike Lucke und Susanne Schorer
Wie können Sie mit den Vignetten arbeiten?
Sie können einzelne Vignetten herausgreifen, Lehrenden- und Studierendenperspektive gezielt gegenüberstellen oder die ganze Sammlung nutzen. Die Einsatzszenarien können variieren. Verwenden Sie die Fallvignetten zum Beispiel:
- zur Selbstreflexion und damit etwa zur persönlichen Klärung, welche Situationen man kennt, wie man warum handeln würde, welche Haltung man selbst zu KI hat.
- in Lehrveranstaltungen als Einstieg in ein Gespräch über Prüfungsformate, Erwartungen und den Umgang mit KI in der jeweiligen Veranstaltung.
- im Kollegium, in Fachbereichsrunden oder in der hochschuldidaktischen Qualifizierung als Anlass, über gemeinsame Haltungen und Regeln zu sprechen.
Das größte Potenzial entfalten die Fallvignetten vermutlich in gemischten Diskussionsrunden aus Lehrenden und Studierenden: Zu erkennen, wie Lehrende und Studierende das Thema KI und Prüfungen erleben, kann helfen, die jeweils andere Perspektive besser zu verstehen und Vorurteile abzubauen.
Wie sind Ihre Erfahrungen?
Wir freuen uns natürlich, wenn Sie uns Ihre Erfahrungen mitteilen: Wie haben Sie die Fallvignetten genutzt? In welchem Rahmen haben Sie mit ihnen gearbeitet? Welche Gespräche sind entstanden? Was haben Sie dabei erlebt? Kennen Sie eine weitere Situation, die in die Sammlung aufgenommen werden sollte? Schreiben Sie gerne Dr. Johannes Dittmann aus dem Projekt KI-LOTSE: j.dittmann@hrk.de
Fallvignetten KI und Prüfungen
aus der Perspektive von Lehrpersonen
Vignette 1 – Das Missverhältnis
Dr. K. korrigiert an einem Samstagnachmittag Seminararbeiten aus ihrer Einführungsveranstaltung zur Sozialtheorie. Eine Arbeit fällt auf: stringente Argumentation, sichere Sprache, kompetenter Umgang mit Klassikern aus der Fachliteratur. Sie braucht neunzig Minuten für Lektüre und Feedback. Dann hält sie inne: Was bewertet sie eigentlich noch? Eine erworbene fachliche Kompetenz? Oder die Fähigkeit, einen Prompt zu formulieren? Wie kann sie ihren Aufwand rechtfertigen? Oder sind ihre Zweifel übertrieben? Sie findet keine Antworten.
Vignette 2 – Die stille Kapitulation
In einer erziehungswissenschaftlichen Fachbereichsrunde fällt ein Satz, der Prof. R. tagelang beschäftigt: „Wenn die Studierenden KI zum Schreiben nutzen und wir KI zum Korrigieren, spart das allen Zeit“. Niemand widerspricht. R. nimmt die Erschöpfung dahinter wahr: Lehre wird institutionell kaum gewürdigt, der Druck zur Forschung ist enorm. Aber was bleibt dann von der Idee, dass Studierende an der Universität etwas werden, nicht nur etwas abliefern? Dass Schreiben Denken ist und Denken Bildung? Auch R. sagt nichts und das fühlt sich falsch an.
Vignette 3 – Die Verschiebung
M. unterrichtet Rechtswissenschaften. Fallbearbeitungen, so dachte er, seien vergleichsweise KI-resilient: Sie verlangen juristische Subsumtion, Präzision im Umgang mit Normen, Urteilsvermögen. Doch die Arbeiten, die er jetzt bekommt, sind formal oft makellos und dennoch irgendwie leer oder allzu glatt. Er beobachtet sich dabei, wie er nach Unstimmigkeiten sucht, statt Stärken zu würdigen. Diese innere Verschiebung – vom Lehrenden zum Misstrauenden – empfindet er als Selbstentfremdung. Er wollte nie so ein Mensch sein.
Vignette 4 – Die Flucht nach vorn
Dr. L. lehrt Literaturwissenschaft und legt Wert darauf, Texte genau zu lesen, Ambiguitäten auszuhalten, Sprache als Erkenntnisinstrument ernst zu nehmen. Als sie vermutet, dass KI zunehmend zum „Autor“ der eingereichten Texte wird, schafft sie die Hausarbeit ab und prüft nur noch mündlich. Bald merkt sie: Die Gespräche sind zu kurz für differenzierte Beurteilungen, die Gesprächsführung liegt zu sehr bei ihr, und ohne es zu wollen, senkt sie im Zuge dessen die inhaltlichen Anforderungen. Sie hat ein Problem gegen ein anderes getauscht, und sie weiß: Auch das kann keine Lösung sein.
Vignette 5 – Kein gemeinsamer Nenner
Prof. H. aus den Geowissenschaften und Dr. S. aus der Humangeographie bieten zusammen ein Seminar an. Sie arbeiten harmonisch zusammen – bis zur Prüfungsleistung. Für S. zeigt sich im Schreiben, ob Studierende verstanden haben, was sie tun – die Auseinandersetzung mit Methoden ist der eigentliche Lerngegenstand. H. sieht das anders: Bei ihm zählen Ergebnisse und Modelle; dass KI die begleitenden Texte lesbarer macht, stört ihn wenig. Beide merken, dass sie nicht nur über Prüfungsformate streiten. Sie haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was Studieren bedeutet. Eine Einigung finden sie nicht.
Vignette 6 – Wettrüsten bis in die Krise
Dr. F. lehrt Software Engineering und erhöht die Schwierigkeit der Programmierprojekte immer weiter, weil KI einfachere Aufgaben zuverlässig löst. Irgendwann fällt ihm auf: Ausgerechnet die Studierenden, die er einst als vielversprechend einschätzte, schneiden nun schlechter ab. Im Gespräch stellt sich heraus: Sie hatten selbst programmiert, mit den gelehrten Methoden; die vermeintlich starken Lösungen der anderen stammten von der KI. F. schämt sich für seine Bewertungen und fragt sich: Welche Aufgaben im Software-Entwurf bleiben künftig überhaupt noch dem Menschen – und damit seinem Fach?
Vignette 7 – Hoher Flug und tiefer Fall
Prof. L. fühlt sich sicher: Dank der multimedialen Inhalte ihres Fachs, so denkt sie, seien ihre E-Klausuren vor Sprachmodellen geschützt. Sie setzt verstärkt auf Bild- und Audioaufgaben, beschafft Headsets, wird im Kollegium für ihre Innovationsfreude bewundert. Irgendwann aber fallen ihr spöttische Blicke auf: Ihre Klausuren gelten als leicht zu bestehen. Sie geht der Sache nach – und muss feststellen, dass auch die Bildaufgaben längst von KI gelöst werden können. Unbemerkt haben ihre Studierende auch bei Audioaufgaben Sprachassistenten eingesetzt. Aus Euphorie wird Verzweiflung: Worauf kann sie sich eigentlich noch verlassen?
Vignette 8 – Die vermeintliche Befreiung
Prof. G. lehrt Geologie. Um die Forschungsfragen seines Fachs überhaupt bearbeiten zu können, musste er in den letzten Jahren immer mehr Lehrzeit für Mathematik und Programmieren aufwenden; für Geologisches blieb immer weniger Raum. Mit KI erstellen seine Studierenden nun mühelos mathematische Modelle und setzen sie in Software um. G. empfindet das als Befreiung: Die Projekte im Seminar werden komplexer und interessanter, die Projektberichte, die er am Ende bewertet, sind so gut wie nie zuvor. Doch ein mulmiges Gefühl bleibt. Woran erkennt er noch, ob jemand ein Modell versteht oder es nur bedienen kann? Und wer bemerkt den Fehler, wenn die KI einmal falsch rechnet – die Studierenden, er selbst oder niemand?
KI und Prüfungen
aus der Perspektive von Studierenden
Vignette 1 – Der Verdacht
A. hat für ihre Hausarbeit lange recherchiert, hat diese mehrfach überarbeitet und sich bewusst dagegen entschieden, KI zum Schreiben zu nutzen. Sie bekommt eine gute Note. Als die Bewertung zurückkommt, ist sie erst einmal erfreut und erleichtert: Die Note ist gut. Eine beiläufige Bemerkung der Lehrperson über „ungewöhnlich professionelle Formulierungen“ aber lässt sie nicht los. Statt Freude stellt sich Unsicherheit ein: Was, wenn man ihr unterstellt, sie habe den Text gar nicht selbst geschrieben? Ein ganz neues Gefühl stellt sich – das Gefühl, dass eine besonders gelungene Leistung gegen sie sprechen könnte.
Vignette 2 – Das Schweigen
B. nutzt KI regelmäßig, um Gliederungen zu entwickeln, Formulierungen zu verbessern und Verständnisfragen zu klären. Die eigentlichen Gedanken, da ist er sich sicher, stammen von ihm. Eigentlich würde er seinen Umgang mit den Werkzeugen offen dokumentieren, so wie er es in einem KI-Study-Guide gelesen hat. In seinem Studiengang aber wird kaum darüber gesprochen. Was, wenn die Lehrperson jede KI-Nutzung als Täuschungsversuch versteht? Ansprechen traut er sich das auch nicht – damit würde er die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Er dokumentiert den KI-Einsatz nicht: Ehrlichkeit erscheint riskanter als Schweigen.
Vignette 3 – Das Wettrennen
C. studiert Geschichte und schreibt ihre Hausarbeiten weiterhin ohne KI. Sie schreibt gerne und hat erfahren, dass ihr das Schreiben beim Denken hilft. Gleichzeitig bemerkt sie, dass die Anforderungen steigen: Es wird zum Beispiel mehr Literatur erwartet als noch vor wenigen Semestern; mit Formulierungsschwächen wird weniger kulant umgegangen. Viele andere erledigen diverse Aufgaben mit KI und kommen deutlich schneller voran. C. arbeitet immer länger und hat trotzdem das Gefühl hinterherzulaufen. Wenn andere sie mit KI überholen: Zahlt sie dann nicht einen viel zu hohen Preis für ihre Haltung – und wer verlangt das überhaupt von ihr?
Vignette 4 – Resignation vor dem Chaos
D. beginnt ihr Studium direkt nach dem Abitur. In der Schule war KI offiziell verboten und doch allgegenwärtig. An der Universität erlebt sie das Gegenteil: Manche Lehrpersonen empfehlen KI ausdrücklich, andere erwähnen sie mit keinem Wort, wieder andere warnen eindringlich davor. In jeder Lehrveranstaltung gelten offenbar andere Regeln, mal klar formuliert, mal implizit. D. versteht nicht, warum es für die Wissenschaft keine verständlichen Normen gibt; es fühlt sich nach Chaos an. Sie glaubt nicht, dass es etwas bringt, nachzuhaken. Also fragt sie vor jeder Prüfung nur noch, was erlaubt ist, und hat aufgegeben, die Gründe zu verstehen.
Vignette 5 – Die Unsichtbarkeit
E. investiert viel Zeit in seine Seminararbeiten. Nach Wochen des Lesens, Schreibens und Überarbeitens erhält er die Note – ohne Kommentar, ohne Hinweise, ohne Rückmeldung. Beim nächsten Mal lässt er große Teile der ersten Fassung von einer KI formulieren. Ob der Text seine Gedanken wirklich trifft, beschäftigt ihn kaum noch. Das Ergebnis ist das gleiche. Wenn sich ohnehin niemand mit seinen Texten auseinandersetzt, fragt er sich, warum er selbst es noch tun sollte. KI ist überall; vieles, so seine wachsende Haltung, muss man eh nicht mehr lernen.
Vignette 6 – Die Unebenheiten
F. studiert Architektur und baut ihr Semesterprojekt-Modell von Hand: Physische Arbeit am Material gehört für sie einfach zum Entwerfen dazu. Eine Kommilitonin bringt ein KI-entworfenes, 3D-gedrucktes Modell mit – makellos, präzise, in einem Bruchteil der Zeit entstanden. Im Kolloquium wird es gelobt. F. betrachtet ihr eigenes Modell mit seinen kleinen Unebenheiten; bis eben hätte sie die als Resultat ihres handwerklichen Ringens verstanden. Jetzt wirken sie wie Fehler. Führen stundenlanges Bauen und Korrigieren zu Kompetenzen oder bloß zu Zeitverschwendung? Ist die Kommilitonin kompetenter und innovativer zugleich?
Vignette 7 – Die Kennzeichnung
B. nutzt KI für die Recherche zu seiner Bachelorarbeit und kennzeichnet jeden Einsatz sorgfältig, ganz wie es das Merkblatt verlangt. Trotzdem entscheidet der Prüfungsausschuss auf Täuschung: Die Kennzeichnung sei nicht hinreichend gewesen. Was genau daran falsch gewesen sein soll, versteht B. bis heute nicht. Aus Gesprächen mit anderen weiß er, dass eine andere Lehrperson wohl anders geurteilt hätte. Einen Anwalt kann er sich nicht leisten. Die Arbeit gilt als nicht bestanden, die Zusage für den Master verfällt. Für den zweiten Versuch rät ihm eine Freundin, den KI-Einsatz einfach gar nicht mehr anzugeben. B. zögert. Schützt Ehrlichkeit eigentlich vor Konsequenzen – oder nur vor Entdeckung?
Vignette 8 – Die Hängepartie
C. hat keine KI genutzt, aus Unsicherheit über die Regeln. Trotzdem erfährt sie plötzlich: Es liegt ein Täuschungsverdacht gegen sie vor. Wochenlang hört sie nichts, außer: Das Verfahren dauere noch an. Vorsichtshalber schreibt sie sich für die Wiederholung ein, belegt zusätzliche Kurse. Als der Ausschuss sie schließlich vom Verdacht freispricht, hat das neue Semester längst begonnen. Der Verdacht ist ausgeräumt, der Stress bleibt.
Vignette 9 – Scheinwissen
D. lässt sich Vorlesungen, die er langweilig und unverständlich findet, von einem Chatbot zusammenfassen und erklären – samt Rückfragen, die er sonst niemandem stellen würde. Ab und zu prüft er die KI-Ausgaben nach; er ist für Verzerrungen sensibilisiert. Im eigenen Fach gilt KI-Nutzung als normal, Sorgen macht er sich daher keine. Dann bittet ihn ein Mitstudierender um Hilfe bei einer Klausur, die D. selbst erst kürzlich bestanden hat. Er merkt: So richtig verstanden hat er den Stoff nicht; vor allem die größeren Zusammenhänge fehlen ihm. Er nimmt sich vor, sich die Inhalte künftig erst selbst zu erarbeiten, bevor er den Bot einsetzt. Im Alltag bleibt dafür keine Zeit. Er kehrt zu den alten Gewohnheiten zurück – das ungute Gefühl bleibt.
Vignette 10 – Die Schere
P. lässt KI keine ganzen Aufgaben lösen. Sie nutzt sie gezielt für Erklärungen zu schwierigen Stellen und für Probeklausuren, mit denen sie sich auf Prüfungen vorbereitet. Mit der Zeit fällt ihr auf, dass sich die Übungsaufgaben wiederholen und die Erklärungen im Kreis drehen. Wer ein Bezahl-Abo hat, so hört sie, bekommt deutlich bessere Ergebnisse. P. schließt ebenfalls eines ab; sie kann es sich leisten, anders als manche ihrer Kommilitoninnen. Tatsächlich lernt sie nun spürbar besser. Doch die Frage lässt sie nicht los: Entscheidet über den Prüfungserfolg bald auch, wer sich die besseren Werkzeuge leisten kann? Und was, wenn die Abos irgendwann so teuer werden, dass auch sie sich keines mehr leisten kann?
F… zu KI und Prüfungen: Eine Einladung zum Perspektivwechsel © 2026 by Gabi Reinmann, Janine Horn, Ulrike Lucke, Susanne Schorer is licensed under CC BY 4.0